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Fachartikel, 10.11.2008
Unternehmensführung
Die Bedeutung des Sinns in Unternehmen
Vorneweg: Sie brauchen keinen definierten Sinn in Ihrem Unternehmen. Viele, auch große Unternehmen haben dies nicht. Aber: Die Definition eines Sinns wird vieles im Hinblick auf die Unternehmensführung und -entwicklung einfacher machen. Und zwar vor allem deswegen, weil Sie mit der Definition eines Sinns (beispielsweise in Form einer Unternehmensvision) ein großes Bild malen, das von vielen, also von Kunden, Mitarbeitern, der Öffentlichkeit, Kapitalgebern und Ihnen selbst unterstützt und getragen wird. Sie schaffen Gemeinsamkeit, Sie schaffen Richtung und Sie schaffen Begeisterung!
Es gibt das bekannte Beispiel vom Wanderer, der an einem griesgrämigen Menschen vorbei kommt, der Steine klopft. Der Wanderer fragt, was er denn da mache. Die mürrische Antwort: Ich behaue Steine. Einige Meter weiter sieht der Wanderer einen weiteren, dieses Mal glücklichen Steinmetz. Gefragt, was er denn da mache, antwortet dieser: „Ich wirke am Bau einer Kathedrale mit“.

Übertragen Sie dies auf Ihre Kunden. Wie wirkt: „Wir behauen Steine“ im Gegensatz zu „Wir bauen Kathedralen“ oder gar zu „Wir schaffen Räume für religiöse Gemeinschaften“? Wie wirkt das auf Ihre Mitarbeiter? Wie auf Ihre Geldgeber? Wie auf potenzielle Mitarbeiter?
Sinn schafft somit einen anderen Blickwinkel auf dieselbe Tätigkeit. Einen anziehenderen Blickwinkel! Nochmal: Sie brauchen keinen definierten Sinn in Ihrem Unternehmen. Aber je stärker Sie auf begeisterte Mitarbeiter, Kunden und Geldgeber angewiesen sind, desto größer wird die Wirkung.

Was ist Sinn überhaupt?

Sinn steht nicht von vornherein fest, sondern wird vom Menschen geschaffen. Ob Sie ein sinnvolles Unternehmen (und ein sinnvolles Leben) führen und dies auch als sinnvoll empfinden, liegt also alleine an Ihnen.

Grundsätzlich bezieht sich Sinn immer auf einen Nutzen für andere. Kaum einer hat sich mit der Frage des Sinns so tief beschäftigt, wie Viktor Frankl. Er sagt: Es kommt bei der Frage nach dem Sinn nie und nimmer darauf an, was wir von der Welt erwarten, sondern allein darum, was die Welt von uns erwartet.

Nun ist es so: Wir konstruieren unser Weltbild selbst. Folglich ist auch das, was wir als Erwartung der Welt an uns wahrnehmen, unterschiedlich. Damit kann es keinen einheitlichen Sinn geben. Der Sinn, den wir wahrnehmen, bezieht sich somit immer auf unser eigenes Weltbild, oder noch genauer, auf unser Bild von einer zukünftigen, wünschenswerten Welt und unserer Möglichkeit, daran mitzuwirken, genau diese zukünftige wünschenswerte Welt zu verwirklichen.

Hier findet sich eine klare Querverbindung zu meinem Konzept, dass die einzige Aufgabe des Unternehmers ist, ein nützliches Unternehmen für seinen Nachfolger zu schaffen. Eine wesentliche Komponente des Nutzens für den Nachfolger ist, dass es einen solchen Sinn hat.

Nun sprach ich bislang von Welt. Natürlich kann man sein Universum beliebig klein oder groß definieren. Wenn man in einem 300-Seelen-Dorf wohnt und dort einen Tante-Emma-Laden betreibt, der auch Kommunikationsräume schafft, dann kann dies durchaus als genauso sinnvoll empfunden werden wie die Arbeit an der Rettung der Menschheit durch einen religiösen Fanatiker oder einen AIDS-Forscher.

Allerdings, das darf nicht verschwiegen werden: Einen Haken hat das Konzept. Ein Beispiel: 1987 war ich in Nicaragua, um dort 2 Monate umsonst am Aufbau einer Nähereiwerkstatt für eine Frauenkooperative mitzuarbeiten. Das erschien mir vor meinem Weltbild als sinnvoll. Jahre später wurde das Gebäude dann (nach Informationen durch Dritte) als Lager für Contras und noch später als Videothek benutzt. Das erschien mir nicht mehr als sinnvoll. Mit anderen Worten: Wenn Sie Ihr Produkt in die Welt entlassen haben, haben Sie meist keinen Einfluss mehr auf die Art der Nutzung. Das mag später enttäuschend sein. Im Moment der Entstehung gilt jedoch: Sinn und Sinngefühl ergibt sich aus der Absicht.

Was sind die Voraussetzungen für ein sinnvolles Unternehmen?

Grundsätzlich ergeben sich aus der Klärung, was Sinn eigentlich ist, zwei ganz wesentliche Voraussetzungen. Erstens liegt dem Sinngefühl das Konzept der Selbstverantwortung zugrunde. Wenn Sie nicht glauben, etwas bewirken zu können, können Sie in dem, was Sie tun, auch keinen Sinn empfinden.

Zweitens enthält ein Sinn-Konzept immer einen optimistischen Weg. Die Vorstellung des Sinns besagt ja, dass eine zukünftige wünschenswerte Welt verwirklicht werden soll. Wenn ich als Pessimist nicht daran glaube, kann ich meine Tätigkeit nicht als sinnvoll empfinden.

Beide Haltungen, sowohl Selbstverantwortung als auch Optimismus sind für Unternehmen extrem förderliche Haltungen. Schaffen Sie einen Sinn für Ihre Mitarbeiter, kaufen Sie die anderen beiden Haltungen automatisch mit ein.

Wie weit reicht die Wirkung von Sinn?

Nun ist der Sinn nicht alles. Es gibt durchaus andere persönliche, unternehmerische Motive. Zum Beispiel: Anerkennung durch andere, Macht, Geld, Ideen zu verwirklichen etc. Diese Motive sind nicht schlecht oder verwerflich. Manchmal sind sie stärker als der Bedarf nach Sinn. Und treiben einen als Unternehmer voran.

Sie stellen auch nicht unbedingt einen Gegensatz zum Sinn dar. Wenn Sie die eingangs erwähnten Kathedralen bauen wollen, brauchen Sie Geld und Macht. Nur: Das Motiv, mehr Macht zu erlangen wird allein kaum dazu führen, dass andere Ihre Idee unterstützen (außer sie erhoffen sich in Ihrem Windschatten auch für sich selbst mehr Macht). Und wenn Sie es nicht schaffen, Ihre Motive in Einklang mit dem Sinn zu bringen, wird Ihre Glaubwürdigkeit drunter leiden. Und in dem Maße eben auch die Anziehungskraft des Sinns verloren gehen.

Sinn bezieht sich außerdem auf die Zukunft. Oft weit auf die Zukunft. Er gibt Kraft. Trotzdem bleibt Steine klopfen Steine klopfen. Mit anderen Worten: Spaß und Freude ist zumindest zum Teil etwas anderes. Spaß und Freude beziehen sich eher auf die eigenen Fähigkeiten, auf das, was man „automatisch“ gut kann. Auch auf die Wahrnehmung der Wirklichkeit – also auf die Bereiche, in denen man intuitiv das Richtige tut. Auch hier ist es wichtig, Sinn mit Spaß und Freude in Deckung zu bringen. Ein Beispiel: Die meisten Menschen würden wohl die Pflege von Kranken als sinnvolle Tätigkeit empfinden. Selbst gerne und dauerhaft tun, würden es aber nur viel weniger wollen.

Sinn ist im Optimalfall das, was in der Unternehmensvision zum Ausdruck kommt. Beispiele? Selbstbezogene „Visionen“ wie „Wir sind der weltführende Fastfood-Anbieter“ (McDonalds) oder „Wir wachsen bei gleichbleibender Rendite doppelt so schnell wie der Markt“ (unbekannt) sind weder gute Visionen noch ist darin ein Sinn erkennbar. Anders ist dies bei „Menschen glücklicher zu machen“ (Walt Disney) oder „Kosmetika ohne Tierversuche und Umweltverschmutzung“ (The Body Shop). (Beispiele für gute Visionen finden Sie im Download unter diesem Beitrag).

Nun unterscheiden hier viele zwischen Vision und Mission eines Unternehmens. Mission wäre das nach außen orientierte, also das, was den Sinn enthielte und Vision das nach innen orientierte (also das mit dem "eigentlichen" Ziel). Das halte ich für einen entscheidenden Fehler. Sie schaffen sich damit zwei unterschiedliche Ziele. Das führt zu Verwirrung und das verhindert Glaubwürdigkeit. Zudem ist es unnötig. Wenn Ihre Vision klar genug ist, dann ergibt sich die Innenorientierung automatisch aus der Sinnorientierung. Beispiel? Wenn meine Vision ist, „Menschen glücklicher zu machen“ (Walt Disney), dann heißt dies „alle Menschen“. Und es heißt mindestens einmal im Leben (u.U. auch öfter). Daraus ergibt sich schon zwangsläufig eine Mindestgröße und eine gewisse Innenorientierung.

Wie schaffe ich ein sinnvolles Unternehmen?

Die Erarbeitung des Sinns ist Unternehmeraufgabe. Sie können natürlich Ihre Mitarbeiter daran mitwirken lassen, aber letztlich ist und bleibt es Unternehmeraufgabe und Sie benötigen ein Ergebnis, hinter dem Sie zu 110 Prozent stehen. Das liegt schlicht daran, dass Sie als Unternehmer, solange Sie noch nicht alle Unternehmeraufgaben erfüllt haben, der einzige sind, der nicht austauschbar ist.

Hinter jedem Sinn steht ein Grundmotiv (oder Grundwert). Um einen Sinn für sein Unternehmen zu entwickeln, ist der entscheidende erste Schritt, sein eigenes Grundmotiv heraus zu arbeiten. Der beste Weg hierzu sind Geschichten aus Ihrem Leben. Der zweite Schritt ist, dass Sie sich eine wünschenswerte Zukunft ausmalen. Vor allem in Hinblick auf Ihr Grundmotiv. Der dritte Schritt ist die Definition der Größe Ihrer „Welt“ und damit auch die Definition Ihrer Zielgruppe. Finden Sie schließlich die Schnittmenge, bei der Ihr Unternehmen am meisten zu der wünschenswerten Zukunft beitragen kann.

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ZUM AUTOR
Über Stefan Merath
Unternehmercoach GmbH
Stefan Merath leitet seit 1997 eigene Unternehmen mit bis zu 30 Mitarbeitern. 2004 startete er dann zusätzlich seine Laufbahn als Coach und verkaufte schließlich sein Software-Unternehmen im Jahr 2007, um sich ganz dieser Berufung zu ...
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